Kerze auf der Torte

Wenn ein Menschenkind ein Jahr alt wird ist es noch sehr klein, niedlich, unselbständig,  unbeholfen und nicht einmal in der Lage die erste Kerze auf der Torte auszupusten. Schlimmer noch, es kann noch nicht einmal von der Torte essen 🙂 Nichtsdestotrotz hat so ein kleines Wesen in den ersten 12 Monaten seines Daseins viel gelernt, viel entdeckt und mit großen staunenden Augen vielleicht nicht gleich die ganze Welt, aber so doch sein direktes Umfeld entdeckt.

Wenn ein nicht mehr ganz so kleines, weil schon knapp an die 50 heranreichendes Menschenkind auf sein erstes Jahr zurückblickt, in dem es bei jeder sich bietenden Gelegenheit die Schuhe weggelassen hat, dann kann es die ein oder andere Parallele zum einjährigen Geburtstag eines neuen Erdenbürgers ziehen.

Das Klein und Niedlich lassen wir mal weg und auch das Torte essen klappt schon ganz gut 😆 Aber die Attribute „Unbeholfen“, „Lernen“, „Entdecken“ und „Staunen“, die passen schon ganz gut.

Ich arbeite die einzelne Begriffe mal der Reihe nach ab:

Unbeholfen – Der natürlichsten Sache der Welt restlos entrückt, tapere ich plötzlich barfuß durch die Welt und erschrecke erst einmal bei nahezu jedem Sinneseindruck. Es piekst, es ist naß oder kalt oder heiß, rau oder glatt oder oder oder. Plötzlich mischen da zwei Sinnesorgane mit, die bis dato ein Leben in Isolationshaft geführt haben. Sie selber und das was sich der Mensch als Verstand zuschreibt müssen damit erst einmal klar kommen.

Und damit sind wir beim

Lernen – Ich könnte auch schreiben, Urvertrauen aufbauen.  Füße können das: Auf den unterschiedlichsten Untergründen laufen, nahezu jedes Wetter aushalten, ohne sich zu verletzen und ohne sich und den ganzen Körper krank zu machen. Konkret lernen mußten und müssen sie allerdings nicht mehr bedenkenlos die Fersen auf den Boden zu rammen sondern sachte mit dem Ballen aufzusetzen. Ein Lernprozeß, der auch nach einem Jahr noch nicht restlos in Fleisch und Blut übergegangen ist.

Entdecken – Bei Unbeholfen stehen sie schon, die Sinneseindrücke wie naß, kalt, heiß, rau, glatt, pieksig. Hinzu kommen noch weich, erdig, matschig usw.. Beim Gehen z. B. den Wechsel der Temperaturen von Sonne zu Schatten zu erleben, zu fühlen wie unterschiedlich Pflastersteine und Asphalt beschaffen sein können, all diese Empfindungen haben die Schuhe unterdrückt. Somit geht das Entdecken auch nahtlos über ins …

Staunen – Wow, wie toll ist es im Regen barfuß unterwegs sein zu, wie fantastisch fühlt sich frisch gefallener Pulverschnee an. Der Wind, ein Genuß. Wie unglaublich angenehm das Fußklima ist. Keine schwitzigen Füße in Schuhen mehr bedeuten auch keine kalten Füße mehr, wer hätte all das gedacht?

Ein erstes, zartes Jahr in dem ich die Welt zunehmend barfuß erkunde und die Gelegenheiten immer mehr erweitere. Ein Jahr, in dem ich mir keinerlei Verletzung zugezogen und auch keine anderweitigen Problem bekommen habe.

Der größte Gegenspieler bleibt immer noch der Kopf. Die gesellschaftlichen Konventionen sind so in mir verhaftet, dass ich es (noch) nicht über mich bringe z. B. barfuß durch die Oldenburger Fußgängerzone zu gehen, Ärzte aufzusuchen oder Freunde zu besuchen. Supermärkte, Postfilialen, Apotheken, das Reisezentrum der Deutschen Bahn oder auch mein Büro sind aber vor meinen baren Füßen meistens nicht mehr sicher, egal zu welcher Jahreszeit. Alles im Allem hängt der Freiheitsgrad meiner Füße aber immer von der Tagesform der Psyche ab. Ein Selbstverständnis hat sich da noch nicht entwickelt. Ich lasse das zu, mache mir da möglichst keinen Streß, ein knappes halbes Jahrhundert des „Normalseins“ 😉 läßt sich nicht so einfach abstreifen.

Dabei habe ich grundsätzlich noch keine schlechten Erfahrungen mit meinen Mitmenschen gemacht. Die bei weitem häufigste Reaktion ist die Nichtreaktion, gefolgt von durchaus aufgeschlossener Neugierde (mit den Standardfragen „Ist Ihnen nicht kalt?“ / „Haben Sie keine Angst vor Scherben?“) bis hin zu Blicken jeglicher Deutungsart und ganz wenigen dummen Bemerkungen. Beim Barfußlaufen (also beim Sport) wird auch häufiger mal Respekt gezollt. Achja, ein Nachbar und eine Kollegin kriegen es auch nach einem Jahr in ihren Kopf nicht rein, für die ist es immer noch ein Thema, so what …

Es gibt aber auch andere Gegenspieler. Ja, Schotter ist immer noch ätzend und wird es für mich wohl auch immer bleiben. Naß ist kein Problem, Kalt ist kein Problem, aber Nasskalt ist ein Problem, geht nicht lange. Genauso muß man ehrlicher Weise auch Kalt etwas differenzieren. Läßt sich bei strengem Frost das Auto noch mühelos barfuß freikratzen, sieht der eineinhalb Kilometer lange Weg zum Bäcker und zurück schon etwas anders aus. Insgesamt sind die natürlichen Gegenspieler aber erstaunlich wenig an der Zahl, zumal die Füße auch immer robuster und kräftiger werden.

Summa summarum war das erste Jahr ein spannendes Jahr und wie bei einem kleinen Kind die Entwicklung gerade erst beginnt, so steht auch mein barfüßiges Leben noch ganz am Anfang. Deshalb sehr langes Geschreibsel kurzer Sinn, ich werde weiter machen. Weil es sich lohnt, weil es Spaß macht, weil es ein Stück weit ein neues Lebensgefühl bedeutet 😀

 

 

8 Kommentare zu “Kerze auf der Torte

  1. Liebes barfüssiges Menschenkind,
    ich gratuliere dir zu deinem ersten Erlebnisjahr, wünsche dir weiterhin viel Staunen, Erleben und Lernen und natürlich ein grooooßes Stück Geburtstagstorte! 😀
    Ich freue mich schon auf die Berichte aus deinem 2. Jahr. 🙂

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  2. Hallo,Volker,
    eine schöne Zusammenfassung Deines ersten „Barfuss-Jahres“ ! Vieles deckt sich mit meinen Eindrücken – wobei mir die Konventionen und die Meinung Anderer (insb. die meines Mannes) doch mehr zu schaffen machen als Dir.
    Bin gespannt auf Deine weiteren Berichte. Weiterhin viel Spass auf blanken Füssen !
    Gruss vom
    Michael.

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    • Moin Michael,

      ich habe in den letzten Jahren einige Erfahrungen machen „dürfen“, die es mir geringfügig leichter machen auf die Meinung der lieben Mitmenschen zu pfeifen. Das mir das aber nicht ganz gelingt, habe ich ja im Text beschrieben und auf meinen Partner nehme ich natürlich schon Rücksicht.

      Wie schaffst Du es eigentlich auf meinem Blog zu schauen und zu kommentieren, ohne das der Counter Deinen Besuch registriert? 🙄

      Danke, den Spaß wünsche ich Dir auch!

      Viele Grüße zurück
      Volker

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    • Moin Michael,

      Technik, die begeistert 😉 Gerade eben dachte ich, dass er Dich heute gezählt hat, aber dann müßtest Du Dich in den USA aufhalten, da kommt die Länderkennung her 🙂

      Der Start in den Tag könnte besser sein, bin vergrippt. Leider konnte die Abhärtung durchs Barfußlaufen das nicht verhindern.

      Dir ein schönes Wochenende!
      Volker

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  3. Das kommt natürlich davon, WEIL Du barfuss läufst, ist doch klar ! lol
    ein Tipp meinerseits: Wadenwärmer (gibt´s für Frauen, können Männer aber auch tragen…) oder Loferl (das sind die für Männer,aus Bayern), die halten den Rest des Körpers warm, auch wenn die Füsse kalt sind.
    Ein schönes Wochenende und
    warmfüssige Grüsse vom
    Michael.

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    • DAS würde ich ja einsehen, wenn nicht um mich herum schon alle vor mir krank gewesen wären, die eben nicht barfuß laufen und die mich gewiss angesteckt haben 😦

      Bislang hatte ich noch nicht das Bedürfnis die Waden zu wärmen, ich laufe ja auch bis zu leichten Minusgraden in kurzen Hosen. Aber sollte ich einmal kalt werden, werde ich an Deinen Tipp denken.

      Warmfüssige Grüße kann ich zurückgeben. Die Füße waren auch noch warm, fast heiß, als der restliche Körper gefröstelt hat 🙂

      LG Volker

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