Eine erhebliche Gefahr für sich und andere

Dieser Winter meint es bis dato gut mit uns Barfüßern. Die Temperaturen liegen vielfach deutlich im Plusbereich und auch Salz und sonstiges Streugut kam zumindestens in meiner Oldenburger Heimat noch nicht zum Einsatz. Wenn überhaupt etwas stört ist es diese leidige, nasskalte Witterung, die einfach nicht schön ist, nicht nur an den Füßen.

Während ich also meinem winterlichen Barfußalltag nachgehe und die üblichen Reaktionen der Mitmenschen erlebe, erinnere ich immer wieder mal einer meiner frühreren beruflichen Tätigkeiten. Vor einigen Jahren hatte ich es hauptverantwortlich mit der Unterbringung psychisch kranker Menschen zu tun, wenn von ihnen – so formuliert es das Gesetz – gegenwärtig ein erhebliche Gefahr für sich und andere ausgeht.  War dies der Fall war, verfügte ich, gestützt auf ein ärztliches Gutachten, eine vorläufige Zwangseinweisung in die Psychatrie. Über eine längerfristige Unterbringung entschied anschließend ein Richter.

Worauf ich dabei hinaus möchte: Seinerzeit wurde einmal von der Polizei ein junger Mann auf die Wache gebracht, weil Passanten meldeten, dass er im Winter bei um die 4°C verwirrt umherlief und das barfuß! Das oben beschriebene Verfahren kam in Gang. Als begutachtender Arzt kam niemand geringeres als der Leiter des hiesigen Gesundheitsamtes hinzu und dieser sah die Voraussetzungen für Unterbringung nicht erfüllt, da der junge Mann in seinem Auftreten nicht aggressiv war, auch nicht unbedingt auf die Straße vor Autos zu laufen drohte und sich wegen seiner Barfüßigkeit, wenn überhaupt, lediglich einen Schnupfen holen würde. So sah er weder für den Mann selber noch für andere eine Gefahr. Die anwesenden Polizisten und ich waren fassungslos, wie kann man einen Menschen u. a. bei solchen Temperaturen barfuß rumrennen lassen. Der Leiter des Gesundheitsamtes meinte daraufhin nur trocken, dass die Situation bei -4°C ggf. anders zu bewerten wäre, aber so könne er keine entsprechende Stellungnahme abgeben. Sprachs und verschwand, wie anschließend der junge Mann auch, der wieder seiner verwirrten Wege ziehen durfte.

Ich fand die Einstellung des Arztes unverantwortlich. Aus heutiger Sicht muß ich allerdings doch sehr darüber schmunzeln, dass ich neben seinen anderen Auffälligkeiten eine Unterbringung des Mannes auch wegen seiner Barfüßigkeit befürwortet hätte, wie gesagt als Teilaspekt eines Gesamtbildes. Aber im Winter barfuß herumzulaufen ohne sich dabei den Tod zu holen, entzog sich schlicht und ergreifend meiner damaligen Vorstellungskraft.

An dieses Erlebnis muß ich also immer mal wieder denken, wenn mir die Leute zu dieser Jahreszeit auf die Füße starren und ich dabei offensichtlich das Glück habe, einen nicht allzu verwirrten Eindruck zu machen. Wenigstens hat mich die Polizei bisher noch nie eingefangen und das ist auch gut so, wer weiß schließlich, ob ich dann auch auf so einen abgeklärten Arzt treffen würde 😆

 

 

 

 

6 Kommentare zu “Eine erhebliche Gefahr für sich und andere

  1. Hallo,Volker,
    manchmal denke ich auch, wenn ich barfuss durch die Kälte laufe: ob wohl gleich die Männer mit den geschlossenen Jacken kommen und Dich holen ? Bisher habe ich allerdings Glück gehabt, selbst ein vorbeifahrender Polizeiwagen hat neulich nicht angehalten…
    WInterige Grfüsse vom
    Michael.

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    • Moin Michael,

      schon verrückt, wie sich die Sichtweisen auf solche kleinen Teilaspekte des Lebens ändern können.
      Aber ich denke wir müssen weiter auf der Hut sein, vor der Polizei und den Habdichlieb-Jacken! 😀 😆

      Stürmisch, regnerische Grüße zurück
      Volker

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  2. Lieber Volker,
    ach was führst du für ein gefährliches Leben! 😉 Da musst du selbst am Weg zum Bäcker auf der Hut vor Passanten sein, die glauben könnten, dass du deine Gesundheit gefährdest, um der Zwangseinweisung zu entgehen! 😯
    Also immer schön am Gehsteigrand stehen bleiben und artig nach links und rechts schauen, bevor du die Straße betrittst, sonst könnte man noch den Tatbestand des „vor fremde Autos laufen“ dazukommen. 😉
    Schön schön, wenn sich Ansichten im Laufe der Jahre so ändern können – macht das Leben interessant! 😀

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    • Tja, liebe Doris,

      dass sind Risiken, von denen ich noch vor Jahren nichts geahnt habe. Wäre ich doch bloß in Schuhen geblieben! So stehe ich immer mit einem Bein in der Klapse 😆

      Aber im Ernst, es ist schon erstaunlich wie sich Horizonte und Sichtweisen verändern können. Ich bin sehr froh darüber, dass man in der Lage ist Veränderungen anzunehmen und nicht immer auf dem gleichen Level stehenbleibt.

      Liebe Grüße
      Volker

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  3. Hallo Volker,
    das sind sehr interessante Gedanken! Genaugenommen sind eigentlich diejenigen irre, die ihre Füße permanent in eine „geschlossene Anstalt“ einsperren und niemals in den Genuss kommen, die Welt unter sich zu spüren und letztendlich ihren ganzen Körper dadurch schädigen können.
    Da ich inzwischen fest davon überzeugt bin, dass viele Zivilisationskrankheiten durch das dauerhafte Tragen von Schuhen verstärkt, wenn nicht sogar verursacht werden, lohnt es sich, darüber nachzudenken, was denn eigentlich normal und was verrückt ist?! Das könnte man sicher in dem ein oder anderen Gepräch mit staunenden „Barfuß-Muggles“ als Argument anbringen 😉
    Viele Grüße
    Forbi

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    • Moin Forbi,

      ich möchte den Spieß jetzt nicht gleich umdrehen und alle Schuhträger für irre erklären. Allein schon weil wir dafür weder die Unterbringungs- noch die Behandlungskapazitäten haben 😆

      Aber ich weiß was Du meinst und kann Dir mit meinem heutigen Erfahrungsschatz nur voll und ganz zustimmen. Diesbezüglich jetzt allerdings unsererseits eine Offensive zu starten, gleicht in meinem Augen einen Kampf gegen Windmühlenflügeln, obwohl dem Thema doch mehr Menschen offen gegenüberstehen als ich gedacht hatte.

      Gelegentlich zu erwähnen, wer aber denn nun „verrückt“ oder „unnormal“ ist, könnte ich mir je nach Situation durchaus mal vorstellen 😀

      Viele Grüße
      Volker

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